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Hintergründe und Lebenssituation

 

Warum werden Menschen Betroffene von Menschenhandel
und Ausbeutung ?

Die Hintergründe und Geschichten der von Menschenhandel und Ausbeutung betroffenen Personen können sehr unterschiedlich sein. Fachberatungsstellen für Betroffene von Menschenhandel weisen immer wieder darauf hin, dass es nicht das "typische Opfer von Menschenhandel" gibt.

Nicht selten sind es bei Migrant*innen Faktoren wie wirtschaftliche und/oder persönliche Notlagen in den Herkunftsländern, Krisen und Konflikte, strukturelle Diskriminierung, mangelnde soziale Absicherung oder die Versorgung der Familie, die zu der Entscheidung führen, eine Arbeit in einem anderen Land aufzunehmen.

Frauen bspw. sind in vielen Ländern für die gesamte Versorgung der Familie (mehrerer Generationen) verantwortlich. Im Gegenzug haben die Frauen aber oft  einen schlechteren Zugang zu Bildung, damit zum Arbeitsmarkt und zur Gesundheitsversorgung.

Viele Menschen entscheiden sich aufgrund der dargestellten Faktoren zur Migration. Häufig ist dabei aber das Wissen  über die Lebens- und Arbeitsbedingungen für Migrant*innen in den Zielländern sehr lückenhaft.

Die restriktive Migrationspolitik in Deutschland, die vor allem Menschen aus Drittstaaten den Zugang zum Arbeitsmarkt sehr erschwert, kann zudem dazu führen, dass Migrant*innen leichter in ungesicherte und ungeschützte Arbeitsverhältnisse im informellen Sektor gedrängt werden.

Hinzu kommen häufig noch unseriöse Arbeitsvermittlungsagenturen oder Privatpersonen, die den Betroffenen unter falschen Versprechungen eine Arbeit in Deutschland "vermitteln".

Die Arbeitsverhältnisse zeichnen sich dann zum Beispiel durch schlechte Bezahlungen, lange Arbeitszeiten, überhöhte Vermittlungsgebühren und/oder Mietzahlungen, gefährliche Arbeitsbedingungen und Vorenthalten des Lohns aus. Zwar suggeriert der Begriff Menschenhandel, dass Betroffene zwischen Ländern gehandelt werden, dies ist allerdings nicht zwangsläufig der Fall. Während Migrant*innen besonders von Menschenhandel gefährdet sein können, gibt es auch deutsche Betroffene von Menschenhandel.

Der Übergang zwischen ungünstigen und schlechten Arbeitsbedingungen, Arbeitsausbeutung und Menschenhandel ist oft fließend und eine Zuordnung schwierig. Manchmal verschärft sich ein eingangs „nur“ ungünstiges Arbeitsverhältnis im Laufe der Zeit derart, dass Arbeitsausbeutung oder sogar Menschenhandel vorliegt.

Im Bereich der Prostitution ist es so, dass manche Frauen sich aus unterschiedlichen Gründen dafür entschieden haben zu migrieren (zum Teil auch nur für einen begrenzten Zeitraum), um in der Prostitution Geld zu verdienen. Diese Frauen sind dann Betroffene von Menschenhandel, wenn sie nicht selbstbestimmt arbeiten können, ausgebeutet und erpresst werden oder sie daran gehindert werden, aus der Situation auszusteigen. Beispielsweise durch hohe fiktive Schuldenbeträge für Einreise, Passbeschaffung etc. werden vor allem ausländische Betroffene in ein Abhängigkeitsverhältnis gedrängt und müssen einen Großteil des erwirtschafteten Verdienstes an die Täter*innen abführen. Oder sie können nicht über die Umstände der Ausübung ihrer Tätigkeit (bspw. über Sexualpraktiken, welche Freier abgelehnt werden können, Arbeitszeiten etc.) bestimmen oder bekommen ihre Papiere abgenommen.

Es werden aber auch Personen durch Täuschung zur Prostitutionsausübung gebracht. Sie werden bspw. über Zeitungsinserate, Bekannte oder Agenturen angeworben, dabei werden die Betroffenen aber über die Art der Tätigkeit getäuscht. Es wird ihnen z.B. eine Tätigkeit in der Gastronomie versprochen; tatsächlich werden sie dann aber durch Einsatz von Gewalt, Drohungen, Einschüchterung etc. zur Prostitution gezwungen.

In manchen Fällen werden Mädchen und junge Frauen durch die sogenannte Loverboy-Methode angeworben. Die Täter täuschen den Betroffenen eine Liebesbeziehung vor, um sie anschließend über eine emotionale Abhängigkeit in die Prostitution zu drängen und auszubeuten. Von dieser Methode sind auch vielfach deutsche Mädchen und junge Frauen betroffen.

Gründe, warum Personen von Menschenhandel und Ausbeutung betroffen sein können sind zum Beispiel:

  • Falsche Versprechungen über Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten
  • Unkenntnis über die eigenen Rechte und die (arbeits-)rechtliche Situation in Deutschland
  • wirtschaftliche und /oder aufenthaltsrechtliche Notlage, die von Arbeitgeber*innen ausgenutzt wird
  • Abhängigkeit von Arbeitgeber*innen (z.B. aufgrund der Arbeits- /Aufenthaltserlaubnis)
  • Notwendigkeit finanzieller Unterstützung der Familie im Herkunftsland
  • Isolation und mangelnde soziale Netzwerke, z. B. aufgrund fehlender Sprachkenntnisse

Die Täter*innen wenden verschiedenste Strategien an, um die Betroffenen unter Druck zu setzen und sie daran zu hindern, aus der ausbeuterischen Situation zu entkommen, z.B. durch:

  • Entziehung der Papiere
  • Angebliche Schulden die abbezahlt werden müssen
  • Anwendung von Gewalt, Drohung, Demütigung, Kontrolle, Druck, Zwang
  • ständige Überwachung
  • unzumutbare Unterkünfte
  • Abgabe aller/des größten Teils der Einnahmen
  • Schuldknechtschaft (Abarbeitung von tatsächlichen oder angeblich entstandenen Schulden)   
  • Isolation, verhindern von Kommunikation und Austausch mit Kolleg*innen und/oder Außenstehenden
  • Falsche Arbeitsverträge, mehrere Verträge oder Verträge, die in einer für die Betroffenen nicht verständlichen Sprache verfasst sind   

sowie zahlreiche weitere Methoden.

Vor allem bei der sexuellen Ausbeutung können hinzu kommen,

  • Drohungen, die Familie über die Arbeit in der Prostitution zu informieren oder Gewaltandrohungen gegen die Betroffene oder deren Angehörige
  • gefügig machen durch sexuelle und körperliche Gewalttaten oder durch Verabreichung von Alkohol und Medikamenten
  • Ausübung von Druck auf die Betroffenen, z.B. durch Vortäuschung guter Verbindungen zur Polizei oder durch Videoaufnahmen oder Fotos

Situation der Betroffenen

Die Situation der Betroffenen ist sehr schwierig. Die Umstände, in denen sie sich befinden, erschweren es ihnen, sich Hilfe zu holen. Sie können sich oft nur im nahen Umfeld des Tätigkeitsortes bewegen oder dürfen diesen nicht verlassen, sie kennen die Strukturen nicht und wissen nicht, wo sie Hilfe bekommen können.
Da meist zumindest ein großer Teil des Verdienstes einbehalten wird, verfügen die Betroffenen auch nicht über finanzielle Mittel, bspw. um sich eine andere Unterkunft zu suchen.

In manchen Fällen sind die Betroffenen auch traumatisiert und leiden unter den psychischen Nachwirkungen des Erlebten. Insbesondere beim Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung kommt dies häufiger vor, wenn die Betroffenen z.B. zur Prostitutionsausübung gezwungen, sexueller Gewalt ausgesetzt oder von den Täter*innen unter Drogen gesetzt wurden.

Viele sind sich unter Umständen auch nicht bewusst, dass sie Opfer einer Straftat wurden. Sie sehen sich vielleicht auch selbst mit schuldig, wenn sie bspw. gegen Aufenthaltsgesetze  verstossen haben oder keine Arbeitserlaubnis besitzen.
Bei Betroffenen, die zur Begehung von Straftaten gezwungen wurden, dürfte die Angst, selbst strafrechtlich verfolgt zu werden ein noch größerer Hinderungsgrund sein.

Durch die genannten Faktoren ensteht die komplexe Situation, dass Zugang zu Hilfe und Unterstützung für die Betroffenen äußerst schwierig ist und andererseits der Zugang zu den Betroffenen für aussenstehende Akteure, bspw. Fachberatungsstellen für Betroffene von Menschenhandel, ebenfalls erschwert ist.

Der KOK wird gefördert vom

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Der KOK unterstützt das bundesweite Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen.
Nähere Informationen hierzu finden Sie unter
https://www.hilfetelefon.de

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