. .

Migration und Flucht

Migration wird oft als eine der wichtigsten globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Gleichzeitig gehört es zu den ältesten Phänomenen der Menschheit und gilt als wichtiges Element der Weltgeschichte. Aus den verschiedensten Gründen haben Menschen seit Jahrhunderten ihre Heimat verlassen und sind in neue Länder oder Kontinente gewandert, um ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Das 20. Jahrhundert war geprägt von zahlreichen Kriegen und ethnopolitischen Konflikten und hat Millionen Menschen zur Flucht gezwungen. Zudem haben vermehrte Globalisierungsprozesse, das Ende der Bipolarität sowie zunehmende Armut und Umweltkatastrophen neue Migrationsmuster entstehen lassen. 

Herkunft und allgemeine Definition des Begriffs Migration

Migration wird definiert „ […] als ein Prozess der räumlichen Versetzung des Lebensmittelpunkts, also einiger bis aller relevanten Lebensbereiche, an einen anderen Ort, der mit der Erfahrung sozialer, politischer und/oder kultureller Grenzziehung einhergeht“ (Oswald 2007: 13). Abgeleitet von dem lateinischen Wort migrare oder migratio was wandernbzw. Wanderung bedeutet, wird daher auch häufig der Begriff Wanderung (im Sinne von Wanderungsbewegungen von Bevölkerungsgruppen) verwendet. Migration/Wanderung als Oberbegriff  erklärt allerdings nicht wer - von wo – wohin – wie - warum und für wie lange wandert. 

Migrationsformen

Den oder die MigrantIn gibt es nicht, denn hinter diesem Sammelbegriff verbergen sich die verschiedensten Lebenssituationen und –entwürfe. Die Einzigartigkeit jeder Biographie belegt wie vielschichtig und komplex das Thema ist und wie weitreichend es jeweils in die verschiedenen Lebensbereiche eingreift. Bei der Beschreibung von Migrationstypen ergibt sich die Schwierigkeit, Charakteristika und Erläuterungen eines Wanderungsvorganges auf nur ein entscheidendes Merkmal zu reduzieren. Es gibt die verschiedensten Migrationstypen auf Grund der unterschiedlichsten Motivationen von MigrantInnen, denn viele Faktoren bedienen sich bzw. überlappen sich miteinander.[1] Der Ortswechsel von Menschen kann anhand von zehn Variablen differenziert werden: Zeit, Ort, Geographie, Zweck und Motiv, Profession, Akteure, politische Bedingungen, rechtlicher Status, Charakter der Entscheidung und historische Bedingungen.[2] Geographisch wird zwischen Binnenmigration (innerhalb eines Landes) und internationaler Migration, die einen Grenzübertritt beinhaltet, unterschieden. Letzteres wird zudem in Emigration (Auswanderung) und Immigration (Einwanderung) unterteilt. So kann der eigene Lebensmittelpunkt innerhalb eines Landes (Binnenmigration) beispielsweise in die nächst größere Stadt (Land-Stadt-Migration) oder aber auch in ein anderes Land (internationale Migration) verlagert werden.

Weiter wird zwischen temporärer (zeitlich begrenzter) und permanenter (langfristiger) Migration unterschieden. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung gibt es keine EU-weit verbindliche Definition, wer genau als MigrantIn einzustufen ist. Zugewanderte gelten in einigen Mitgliedsstaaten erst nach einem einjährigen Aufenthalt als sich dauerhaft aufhaltende MigrantInnen und werden statistisch erst dann als solche ausgewiesen. Andere Länder richten sich nach der tatsächlichen Aufenthaltsdauer, wieder andere danach, wie lange und zu welchem Zweck ein Mensch beabsichtigt, sich im Land aufzuhalten. 

In manchen Fällen ist ein Umzug nicht zwingend und es kann zwischen Wohnsitz und Arbeitsplatz auch gependelt werden. In diesem Fall wird von Pendelmigration gesprochen, die innerhalb eines Landes aber auch grenzüberschreitend stattfinden kann. Aufgrund der Freizügigkeit in der Europäischen Union kann beispielsweise einE EU-BürgerIn in einem Land leben und in dem Nachbarland arbeiten. Zirkuläre Migration bedeutet, ähnlich wie die Pendelmigration, regelmäßige Wanderungsbewegungen in Form von Kurzaufenthalten zwischen Herkunfts- und Aufnahmeländern. 

Von elementarer Bedeutung ist die Unterteilung in freiwilliger und unfreiwilliger Migration, da hiervon der rechtliche Status eines/r MigrantIn abhängt. Unfreiwillig bedeutet, dass eine Person fliehen muss. Erzwungene/unfreiwillige Migration wird auch als Fluchtmigration bezeichnet, worauf das damit verbundene Recht auf Asyl gründen kann. Umstände wie Umweltkatastrophen oder Armut werden rechtlich nicht als Fluchtgründe anerkannt und einer Form freiwilliger Migration zugeordnet. Freiwilliger Migration liegt die Annahme zu Grunde, dass im Gegensatz zur unfreiwilligen Migration, eine Person aus ökonomischen oder sozialen Gründen migriert. Die Grenze zwischen freiwillig und unfreiwillig ist fließend und problematisch. Sie unterliegt vielmehr der Definitionsmacht der Aufnahmeländer und Institutionen als der individuellen Entscheidung der MigrantInnen. Auch andere Kategorisierungen von Migrationsformen zeugen von der Deutungsmacht der Aufnahmeländer und ihren Einwanderungspolitiken und Grenzregimen. So spiegeln die Bezeichnungen undokumentiert,irregulär oder gar illegal[3] eher die Perspektive der Aufnahmeländer als die der MigrantInnen wider. Für Migrantinnen ist darüber hinaus die Unterteilung in abhängiger/ sekundärer (meist in Form von Familiennachzug) undunabhängiger/primärer Migration (in Form von Arbeitsmigration) von großer Bedeutung, um wirtschaftliche und rechtliche Abhängigkeitsverhältnisse zu Männern darzustellen. 

Die zunehmende primäre Migration von Frauen bringt zum Einen neue und eigenständige Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen mit sich, zum Anderen birgt sie aber auch Risiken. Nicht selten sind Arbeitsmöglichkeiten für migrierte Frauen auf die unteren Einkommensbereiche oder den informellen Sektor beschränkt. Der Zugang zu beispielsweise sozialer Sicherung, rechtlichem Schutz oder menschenwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen ist häufig prekär und kann schnell zu Abhängigkeitsverhältnissen führen. 

Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist der Beitrag, der zur wirtschaftlichen Entwicklung sowohl in den Herkunftsländern (durch Rücküberweisungen) als auch in den Zielländern geleistet wird. Dieser wurde häufig unterschätzt. Für das Jahr 2008 schätze die Weltbank den Wert der Rücküberweisung in die Herkunftsländer von MigrantInnen auf 305 Billionen US Dollar.[4] 

Facts and Figures 

Laut Human Development Report 2009 gibt es weltweit ca. 200 Millionen internationale MigrantInnen[5]. Diese Zahl erscheint auf den ersten Blick enorm, entspricht sie doch dem 2,5 fachen der Bevölkerung der Bundesrepublik. Global betrachtet bilden 200 Millionen lediglich einen Anteil von knapp 3% der Weltbevölkerung. Zwar ist die Anzahl der internationalen MigrantInnen in den letzten 50 Jahren angestiegen, die Weltbevölkerung ist aber in den letzten Jahrzehnten ebenfalls gewachsen. Der Anteil an internationalen MigrantInnen ist somit relativ konstant geblieben. Der Anteil von Migrantinnen an der weltweiten Migration liegt bei 49%.[6] 

Falsch ist, dass Migration immer von den wirtschaftlich ärmsten in die reichsten Länder stattfindet. Der Großteil der Wanderungsbewegungen spielt sich innerhalb der Landesgrenzen ab. Insgesamt wird die Zahl der BinnenmigrantInnen auf mindestens 740 Millionen, also knapp das vierfache der internationalen MigrantInnen, geschätzt. Lediglich ein Drittel der internationalen MigrantInnen sind von einem so genannten Entwicklungsland in ein Industrieland gewandert. Die meisten Wanderungen finden entweder zwischen Entwicklungsländern oder Industrieländern statt.[7] Laut EUROSTAT ließen sich im Jahre 2006 ca. 3,5 Millionen Menschen in einem der 27 Mitgliedsländer der Europäischen Union nieder, hiervon waren 1,8 Millionen Nicht-EU Bürger und der Rest EU-Bürger[8]. Insgesamt leben in der EU ca. 18,5 Millionen Drittstaatsangehörige[9], die ca. 3,8% der Gesamtbevölkerung der EU ausmachen. In der EU leben somit lediglich ca. 9% der weltweiten internationalen MigrantInnen und ihr Bevölkerungsanteil liegt bei ca. 0,8% über dem weltweiten Durchschnitt. 

Der UNHCR zählte Ende 2008 insgesamt 15,2 Millionen Flüchtlinge, 827.000 Asylsuchende und 26 Millionen Binnenvertriebene (Internally Displaced Persons) weltweit. Vier von fünf Flüchtlingen halten sich in Entwicklungsländern auf, da die meisten im eigenen oder direkten Nachbarland Schutz suchen. Lediglich 15% der weltweiten Flüchtlinge befinden sich in Europa[10]. 

Diese Zahlen sollen aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass Migration und besonders Fluchtmigration nicht gleichmäßig verteilt sind. Ganz im Gegenteil, in bestimmten Regionen sind diese dramatisch angestiegen und haben grundlegende Auswirkungen auf Herkunfts- Transit und Aufnahmeländer. Informationen und Statistiken über weltweite Migrations- und Fluchtbewegungen sind nur bedingt aussagekräftig, da Datenerhebungen von Land zu Land variieren oder unvollständig sind. Meistens werden nur dokumentierte MigrantInnen (und Flüchtlinge) statistisch erfasst. Die Dunkelziffer an undokumentierten MigrantInnen überschreitet weitgehend die offiziellen Angaben. Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) schätzt die Anzahl von Menschen mit irregulären Aufenthaltstatus in der EU auf 2,8 bis 6 Millionen. Diese Angaben beziehen sich auf Personen, die weder über ein Aufenthaltsrecht noch eine Arbeitserlaubnis verfügen. [11] 

Nach geltendem EU-Recht befinden sich diese Personen in einer nicht legalen Rechtssituation und machen sich somit strafbar. Durch die zunehmend restriktive Migrationspolitik wird auch die Situation von undokumentierten MigrantInnen in der EU zunehmend prekärer, da sie keinen Zugang zum gesellschaftlichen Unterstützungs- und Rechtssystem haben. In diesem Personenkreis liegt somit ein hohes Potential an Betroffenen von Menschenhandel. 

Der KOK sieht daher Aufklärung und Armutsbekämpfung in den Herkunftsländern, Information und Aufklärung zu der aufenthaltsrechtlichen Situation in den Zielländern sowie die Schaffung von mehr legalen (temporären) Migrationsmöglichkeiten, auch für gering qualifizierte Personen, als wesentliche Bestandteile eines ganzheitlichen Ansatzes zur Bekämpfung des Menschenhandels.


[1] Vgl. Düvell, 2006: 8-11 

[2] Vgl. Düvell, 2006: 11

[3] Alle drei Begriffe beziehen sich auf den Aufenthaltsstatus eines/r MigrantIn bzw. auf die Tatsache, dass diese/r über keine oder keine gültigen Aufenthaltspapiere verfügt. Die Bezeichnungen „illegal“ und irregulär“ sind umstritten, da sie Menschen kriminalisieren. Es wird daher der Begriff „undokumentiert“ bevorzugt, da er am neutralsten die Situation beschreibt. www.unifem.org/gender_issues/women_poverty_economics/women_migrant_workers.php

[5]UNDP: Human Development Report 2009: Overcoming barriers: Human mobility and development. http://hdr.undp.org/en/media/HDR_2009_EN_Complete.pdf

[6] United Nations' Trends in Total Migrant Stock: The 2008 Revision http://esa.un.org/migration 

[7] UNDP: Human Development Report 2009: Overcoming barriers: Human mobility and development. http://hdr.undp.org/en/media/HDR_2009_EN_Complete.pdf

[8] http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_OFFPUB/KS-SF-08-098/EN/KS-SF-08-098-EN.PDF

[9] http://ec.europa.eu/justice_home/fsj/immigration/docs/com_2007_512_de.pdf

[10] http://www.unhcr.de/uploads/media/2008_Global_Trends.pdfhttp://www.unhcr.org/4a375c426.html

[11] http://irregular-migration.hwwi.net/

Der KOK wird gefördert vom

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Der KOK unterstützt das bundesweite Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen.
Nähere Informationen hierzu finden Sie unter
https://www.hilfetelefon.de

Spenden und unterstützen

Neuigkeiten

Das Bundesverwaltungsgericht hatte schon in seiner Entscheidung vom 11.09.2007 ausgeführt, was ein ärztliches Attest, mit dem ein Sachverständigenbeweis über...

lesen

Am 15.11. trafen sich Vertreter*innen der spezialisierten Fachberatungsstellen für Betroffene von Menschenhandel und Sonderbeauftragte für Menschenhandel des...

lesen

Das Bundesverfassungsgericht erklärt in seiner Entscheidung vom 29.08.2017 die Belange einer Alleinerziehenden seien vom Verwaltungsgericht bei der...

lesen