Daten / Zahlen / Fakten

Zur Problematik gesicherter Zahlen

Die Datenlage zum internationalen Ausmaß der Betroffenen des Menschenhandels ist sehr lückenhaft. Für Deutschland werden die einzig zuverlässigen Zahlen zu Menschenhandel, Ausbeutung (und seit 2016 auch zu Straftatbeständen der komerziellen sexuellen Ausbeutung von Minderjährigen) durch das jährlich erscheinende Bundeslagebild Menschenhandel und Ausbeutung des Bundeskriminal­amtes (BKA) ermittelt. Das Lagebild ermöglicht jedoch lediglich einen Überblick über die Zahlen der abgeschlossenen Ermittlungs­verfahren. Die Aussagekraft der Statistik bezogen auf die reale Situation ist daher eher gering, das Dunkelfeld vermutlich sehr hoch. Wie Informationen der Fachberatungs­stellen belegen, kommt es bei weitem nicht bei allen Fällen von Menschenhandel zur Einleitung eines Ermittlungsverfahrens oder gar zu einem Abschluss, zudem tätigen die Klient*innen teils keine Aussage bei den Strafverfolgungsbehörden. Hinzu kommen Fälle von Menschenhandel, die gar nicht als solche identifiziert werden und so auch nicht in Beratungsstellen ankommen.

Die Situationseinschätzung namhafter Organisa­tio­nen variiert stark, je nachdem, wie weit oder eng die Definition von „Menschenhandel“ gehandhabt wird. Beispielsweise gibt die International Labour Organisation (ILO) eine gemeinsame Schätzung mit der International Organisation for Migration (IOM) und der Walk Free Foundation über „moderne Sklaverei“ weltweit heraus. Darin werden allerdings die verschiedensten Phänomene unter dem Begriff moderne Sklaverei zusammengefasst, neben Zwangsarbeit und sexueller Ausbeutung bspw. auch Zwangsverheiratung oder staatlich auferlegte Zwangsarbeit. Der letzte Bericht von 2017 hatte zwei Hauptthemen: Zwangsarbeit und Zwangsheirat. Die Schätzung der Zwangsarbeit umfasst Zwangsarbeit in der Privatwirtschaft (Formen der Zwangsarbeit, die von Privatpersonen, Gruppen oder Unternehmen in allen Sektoren außer der kommerziellen Sexindustrie auferlegt werden), erzwungene sexuelle Ausbeutung von Erwachsenen und kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern sowie staatlich verordnete Zwangsarbeit. Demnach seien 2016 weltweit rund 40 Millionen Menschen Opfer von moderner Sklaverei gewesen.

Das United Nations Office on Drugs and Crime UNODC veröffentlicht ebenfalls regelmäßig Berichte zu Menschenhandel weltweit. Laut dem letzten Bericht von 2021 zielen 50% aller identifizierten Fälle des Menschenhandels auf kommerzielle sexuelle Ausbeutung ab.

Die Schätzungen, welchen Anteil davon Frauen als Betroffene ausmachen, bewegen sich in den gängigen internationalen Studien zwischen mindestens 55% und 80%. In diesem Rahmen bewegen sich auch die im September 2020 von der Europäischen Kommission veröffentlichten Eurostat Statistiken. Diese sprechen einmal von 58% weiblichen und 39% männlichen und ein weiteres mal von 72% weiblichen und 23% männlichen mutmaßlichen oder identifizierten Betroffene des Menschenhandels in der EU. Dabei bezieht sich der erste Datensatz auf die Lage inklusive des Vereinigten Königreichs und die zweite Angabe auf die Anzahl ohne die Daten aus UK, woran man erkennen kann, dass über die Hälfte der männlichen Betroffenen in der UK registriert wurden. Die Statistiken zeigen für den Zeitraum 2017 7.376 und 2018  6.769, also insgesamt 14.145 (ohne UK) Betroffene des Menschenhandels in der EU an. Schwankungen bei diesen Zahlen innerhalb der letzten Jahre könne laut Eurostat unter anderem auch auf eine breitere Definition von Menschenhandel in den nationalen Gesetzgebungen der EU-Mitgliedstaaten zurückgeführt werden. Die EU-Kommission selbst verweist ebenfalls auf die mutmaßlich hohe Dunkelziffer und warnt vor einer unbedachten Interpretation der veröffentlichten Zahlen. 

Als unbestritten gilt hingegen, dass der Menschen­handel weltweit der am schnellsten wachsende Kriminalitätsbereich ist (siehe z.B. UNHCR 2010).

Verlässliche Statistiken sind wichtig, vor allem für die Lenkung der öffentlichen Aufmerksamkeit auf brisante Probleme. Doch je größer das Ausmaß des Problems, desto bedenkenloser wird es von Presse, Medien und auch in akademischen Kontexten verbreitet, was viele dazu hinreißt, sich immer auf die höchsten gefundenen Zahlen zu beziehen, ungeachtet der Qualität der Quelle. Andererseits besteht das Risiko, dass fehlende Daten zum Ausmaß des Menschenhandels  zu einer Relati­vierung des Pro­blems führen können. Hält man sich jedoch die Tatsache vor Augen, dass hinter jeder Zahl eine reale Person in Not steht, wird deutlich, dass die Notwendigkeit zum Handeln sich nicht allein aus der Höhe der (konstruierten) Betroffenenzahlen ergibt, sondern bereits in Einzelfällen gegeben ist.

Zu verschiedenen Statistiken und Berichten zu Menschenhandel siehe auch Statsitiken/Berichte in der Rubrik Medien/Materialien.